Fatma Aydemir: Laudatio für Cemile Sahin

gehalten am Sonntag, den 23.11.2025 im Literaturhaus Wien
© Fatma Aydemir, alleinige Jurorin 


 

Sehr geehrtes Publikum,
sehr geehrte Erich-Fried-Gesellschaft,
liebe Cemile Sahin,

„Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.“

Diese Zeilen habe ich kürzlich in Erich Frieds Gedicht Status Quo gefunden, erschienen im Jahr 1981.

Mir kamen diese Zeilen so vertraut vor, obwohl ich das Gedicht zuvor nicht kannte. Womöglich, weil Fried in ihnen eine Erkenntnis formuliert, die viele von uns früher oder später ereilt – gerade im Angesicht von Gewalt und Kriegen, die unsere Gegenwart beherrschen. Entweder wir sind überzeugt oder wir überzeugen uns immer wieder selbst davon: Eine andere Welt muss möglich sein. Die Frage ist: Wie?

Ich kann mich dieser Frage nicht aus Sicht einer Politikerin annähern, denn das bin ich nicht. Ich frage das als Schreibende, als Künstlerin, als Leserin, als Betrachterin, und auch dort in den Büchern und Filmen und Bildern, in denen ich verweile, finde ich kaum eindeutige Antworten auf diese Frage. Aber im besten Fall will ein Werk mich auch gar nicht belehren. Wenn es schafft, mich zu berühren, mich zu beschäftigen, eröffnet es mir stattdessen Möglichkeiten. Es gibt mir die Freiheit, die Dinge anders zu denken, die Welt anders zu sehen. Und eine Künstlerin, deren Werke mir in ihrer Einmaligkeit immer wieder aufs Neue die Augen und das Herz geöffnet haben, ist Cemile Sahin.

TAXI hieß ihr erster Roman, über den ich Cemile Sahins Werk kennengelernt habe. Er handelt von einer Mutter, die ihren Sohn im Krieg verliert. Indem sie einen Doppelgänger anheuert, mit dem sie die fiktive Rückkehr des Sohnes inszeniert, gewinnt die Mutter die Deutungshoheit über ihr eigenes Leben zurück. Eine tragische und auch groteske Geschichte, bei der ich stellenweise fast Tränen lachen musste, weil Sahins Erzählkunst trotz der Schwere ihres Gegenstands sich niemals der Komik verweigert. Gerade darin entfaltet sie ihre Widerständigkeit.

Krieg ist auch der Ausgangspunkt des neuesten, inzwischen dritten Romans von Cemile Sahin, Kommando Ajax, erschienen im Herbst letzten Jahres. Eine Familie aus dem kurdischen Dêrsim muss Anfang der 90er-Jahre ihre Heimat verlassen, nachdem die türkische Armee ihr Dorf in Brand gesteckt hat. Im Roman heißt es: „Feuer zu legen bedeutet in Kriegssprache: Die Bevölkerung wird mit Absicht vertrieben. Ein Dorf, das brennt, bedeutet in Lebenssprache der Menschen, die in diesen Dörfern wohnen: Ihr Leben steht in Flammen. Leben = Feuer = Nichts.“

Familie Korkmaz landet über Umwege im Exil im niederländischen Rotterdam. Was sich aus dieser Prämisse entwickelt, ist jedoch kein melodramatischer Familienepos, sondern eine Gangsterkomödie, ein Actionthriller, die Geschichte eines spektakulären Kunstraubs, aus dem sich die ältesten Motive der Mythologie entspinnen: Vertreibung, Verrat, Rache.

Die vielen Figuren, die Sahin akribisch in diesem Roman konstruiert, sind exzentrisch im besten Sinne: Da ist Ali Hüseyin, ein übergewichtiger Dachdecker, der sich eigentlich als Künstler sieht und die Gemälde von Caravaggio studiert, bis er sie verblüffend gut kopieren kann. Er träumt davon, eines Tages ein Ali-Hüseyin-Museum in seinem Dorf, in Mezra zu eröffnen, mit drei Stockwerken. Dann ist da Fatma, die Putzfrau, die sich von ihrem gewalttätigen Exmann befreit und sich den Traum von einem nagelneuen Mercedes erfüllt, obwohl sie keinen Führerschein hat. Ihre Beziehung zu dem Auto besteht darin, es jeden Morgen um 5.30 Uhr aufwändig zu putzen. Und da ist Muzo, der mit Hochzeitssälen ein Vermögen gemacht hat, und seine Villa so einrichtet, wie er sich die Villa von einem reichen Menschen vorstellt, auf seinem Moodboard finden sich Tony Montana und Pablo Escobar.

Was all diese Figuren vereint, ist nicht nur ihr Witz, ihre Schlagfertigkeit, ihre Schrulligkeit. Was sie vereint, ist, dass sie Träume haben. Cemile Sahins Figuren lassen sich nicht definieren über das, was ihnen angetan wurde, sondern über das, was sie daraus machen. Sie reagieren mit List, mit Trotz, mit Kunst. Sie übernehmen die Kontrolle über ihre eigenen Bilder – und das ist vielleicht das Subversivste, was man tun kann, wenn man aus einer Geschichte der Entmündigung kommt.

Eine andere Welt zu imaginieren, unsere Welt anders zu denken, dazu gehört auch, als Künstlerin eine eigene Sprache zu finden. Cemile Sahins Sprache ist die einer Filmemacherin. Denn Literatur ist bloß eines von vielen Medien, denen sich Sahin als Künstlerin bedient, um uns Geschichten zu erzählen. Und das äußert sich ganz offensichtlich in der unkonventionellen Form ihrer Texte. Sahin arbeitet mit Sätzen wie mit filmischen Schnitten. Sie schreibt, als würde sie eine Kamera führen: mit einem Blick, der sich auf das richtet, was sonst im Schatten bleibt. Sie setzt Zooms, sie macht Close-Ups, sie erzählt in Rückblenden und in Parallelmontagen. Ihre Texte sind rhythmisch, präzise, körperlich. Sie haben eine Tonspur. Sie sind so gebaut, dass man sie nicht einfach konsumieren kann – man muss sich in ihnen bewegen, sich verirren, sich neu orientieren.

So lassen sich Cemile Sahins Bücher auch unmöglich abkoppeln von ihren filmischen Arbeiten, etwa Bîhar, zu deutsch „Frühling“, einem Spielfilm, über eine kurdische Familie im Pariser Exil und das ausbeuterische Staudammprojekt, das der türkische Staat in ihrem Heimatort errichtet und damit die Lebensgrundlage von Mensch und Natur systematisch zerstört. Oder Road Runner, Sahins Kurzfilm über eine junge Frau namens Berîtan, die ihre Schwester aus der Gefangenschaft in der Virtuellen Realität zu befreien versucht.

Motive, die in all diesen Arbeiten immer wieder zum Vorschein treten, sind: Das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion. Von Storytelling und Geschichtsschreibung. Deutsch ist in Cemile Sahins Büchern ein Werkzeug. Sie zwingt diese Sprache, ihre Grenzen offenzulegen. Das, was in der deutschen Literatur oft als „experimentell“ bezeichnet wird, ist bei Sahin schlicht notwendig: Weil sie eine Geschichte erzählen muss, für die die gewohnten Formen nicht ausreichen.

Ihre Verantwortung liegt nicht in moralischen Appellen, sondern in ästhetischer Genauigkeit. In der Weigerung, die Welt einfacher zu machen, als sie ist. In der Klarheit, dass Kunst nicht neutral ist – und dass jede Entscheidung, was gezeigt und was nicht gezeigt wird, eine politische Entscheidung ist.

1990 ist nicht nur das Geburtsjahr von Cemile Sahin, es ist auch das Jahr, in welchem erstmals der Erich-Fried-Preis verliehen wurde, und zwar von Hans Mayer an Christoph Hein. Es ist mir eine große Ehre, heute 35 Jahre später eine Autorin mit diesem Preis ehren zu dürfen, die, ganz im Geiste des jüdischen Lyrikers Erich Fried, Sprache anders denkt, und in deren Sprache wir die Welt anders denken können.

Pîroz be Cemile, herzlichen Glückwunsch zum Erich-Fried-Preis 2025.