Cemile Sahin erhielt Fried Preis 2025

Schriftstellerin und Künstlerin Cemile Sahin | Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler Alle Fotos: © Lukas Dostal

Am Sonntag, den 23. November 2025 fand im Literaturhaus Wien die Verleihung des Erich Fried Preises 2025 durch den österreichischen Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler an die kurdisch-alevitische Schriftstellerin und Künstlerin Cemile Sahin statt.
Der mit EUR 15.000 dotierte und vom Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport gestiftete Preis wird seit 1990 durch die Internationale Erich Fried Gesellschaft vergeben, die auch die jährlich wechselnden Einzeljuror:innen auswählt. Alleinige Jurorin 2025 war die deutsche Schriftstellerin und Journalistin Fatma AydemirDer kurdisch-zazaische Sänger und Musiker Mikail Aslan zeichnete zusammen mit Susanne Hirsch (Cello) und Erdem Pancarci (Djembé) für den musikalischen Rahmen der Preisverleihung verantwortlich.

 

Schriftsteller zu sein, bedeutet Widerstand zu leisten“, zitierte Josef Haslinger, Präsident der Internationalen Erich Fried Gesellschaft, den Dichter Erich Fried (geb. am 6. Mai 1921 in Wien, gest. am 22.11.1988 in Baden-Baden / D), der 1938 ins englische Exil entkommen konnte und als ein Hauptvertreter der deutschsprachigen politischen Lyrik der Nachkriegszeit gilt. Die Erich Fried Gesellschaft ist kein Anbetungsverein, sondern sie ist im Geist von Erich Fried einer kritischen Auseinandersetzung mit gegenwärtigen literarischen und gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen verpflichtet.“

Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.“ Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler zitierte in seiner Rede ein berühmtes Gedicht von Erich Fried und verwies auf die Fähigkeit von Literatur, „aufzurütteln“ und „veraltete Denkmuster aufzubrechen“. „Wir können aus ihr Mut schöpfen, Neues zu wagen.“ Literatur sei „nicht nur Fiktion“ und Lyrik „nicht nur eine Frage der Ästhetik. Gute Literatur, mutige Lyrik sind echte Eingriffe in die Wirklichkeit. […] Wir leben in einer Zeit, in der Gewalt, Vertreibung und Nationalismus Tag für Tag in unser Leben eindringen, in der Sprache missbraucht und gleichzeitig entwertet wird.“ Da brauche es Stimmen, „die Haltung zeigen, künstlerisch, literarisch und politisch“. Cemile Sahin sei so eine Stimme.

Dasselbe Fried-Gedicht wählte Fatma Aydemir als Ausgangspunkt für ihre Laudatio. Eine andere Welt muss möglich sein. Die Frage ist: wie? […] Eine Künstlerin, deren Werke mir in ihrer Einmaligkeit immer wieder aufs Neue die Augen und das Herz geöffnet haben, ist Cemile Sahin. TAXI ist ihre erster Roman. Er handelt von einer Mutter, die ihren Sohn im Krieg verliert. Indem sie einen Doppelgänger anheuert, mit dem sie die Rückkehr des Sohnes inszeniert, gewinnt die Mutter die Deutungshoheit über ihr eigenes Leben zurück. Eine tragische und auch groteske Geschichte, bei der ich aber stellenweise Tränen lachen musste, weil Sahins Erzählkunst trotz der Schwere des Gegenstands sich niemals der Komik verweigert, und gerade darin entfaltet sich ihre Widerständigkeit.
[…] Cemile Sahins Figuren lassen sich nicht definieren über das, was ihnen angetan wurde, sondern über das, was sie aus ihrem Leben machen. Sie reagieren mit List, mit Trotz, mit Kunst, sie übernehmen die Kontrolle über ihre eigenen Bilder, und das ist vielleicht das Subversivste, was man tun kann, wenn man aus einer Geschichte der Entmündigung kommt. […] Deutsch ist in Cemile Sahins Büchern ein Werkzeug. Sie zwingt die Sprache, ihre Grenzen offenzulegen. Das, was in der deutschen Literatur oft als „experimentell“ bezeichnet wird, ist bei Sahin schlicht notwendig, weil sie eine Geschichte erzählten muss, für die die gewohnten Formen nicht ausreichen. Ihre Verantwortung liegt nicht in moralischen Appellen, sondern in ästhetischer Genauigkeit, in der Weigerung, die Welt einfacher zu machen als sie ist, in der Klarheit, dass Kunst nicht neutral ist und dass jede Entscheidung, was gezeigt wird und was nicht gezeigt wird, eine politische Entscheidung ist.“

Cemile Sahin begann ihre Dankesrede mit einem Zitat aus ihrem letzten, für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Buch Kommando Ajax: In diesem Roman beginnt der ganze Text mit einem Zitat von Bertolt Brecht. Bertolt Brecht fragt da An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? Er antwortet an uns. Er fragt An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird? Er antwortet Ebenfalls an uns.‘ 
Mein Buch beginnt mit diesem Zitat, weil dieses Zitat für mich Hoffnung bedeutet, und für mich sind meine Texte Texte über Widerstand und Hoffnung, nicht weil alles gut ist, sondern weil Menschen sich weigern, aufzugeben, also ist es eine Form von Liebe, denn
es ist, was es ist, sagte die Liebe‘, sagte Erich Fried.
Die Unterdrückung ist nicht ewig, die Hoffnung ist es auch nicht, es sei denn, wir tragen sie weiter. Meine Texte erzählen von Menschen, die sich zwischen Macht und Würde entscheiden müssen. Und sie wissen, dass auch das Schweigen eine Handlung ist. Die Unterdrückung bleibt, wenn wir sie lassen, die Hoffnung bleibt aber auch, wenn wir sie teilen, aus allem, was war und allem, was so bleiben soll.
Ich widme diesen Preis den Frauen aus Kurdistan. Den Müttern, den Schwestern und Töchtern, die nicht nur gegen den IS gekämpft haben, sondern auch inmitten von Konflikten und Vertreibung Hoffnung nicht nur bewahren, sondern leben. Sie sind meine Heldinnen. Ich widme diesen Preis all den jungen Frauen, die mir schreiben und sagen Du bist meine Hoffnung. Das ist falsch, denn ihr seid meine, eure Träume sind eure größte Waffe. Gebt sie nicht aus der Hand.“


Der Erich Fried Preis ist eine der renommiertesten literarischen Auszeichnungen Österreichs und wird seit 1990 durch die Internationale Erich Fried Gesellschaft vergeben und von jährlich wechselnden Einzeljuror:innen entschieden. Der Preis wird vom Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport gestiftet und ist mit 15.000 Euro dotiert.
Zu den Preisträger:innen der letzten Jahre zählen Thomas Stangl, Nico Bleutge, Rainer Merkel, Judith Hermann, Dorothee Elmiger, Leif Randt, Teresa Präauer, Steffen Mensching, Esther Kinsky, Frank Witzel, Melinda Nadj Abonji, Thomas Kunst und zuletzt Urs Allemann. 

Cemile Sahin (* 1990 in Wiesbaden/D) ist Autorin und Künstlerin, sie studierte in London und Berlin und lebt nun in Berlin. Sahin wurde u. a. mit dem ars viva-Preis für Bildende Kunst 2019 und der Alfred-Döblin-Medaille 2020 ausgezeichnet. Nach ihrem Debütroman TAXI (Korbinian Verlag, 2019) erschienen im Aufbau Verlag die Romane Alle Hunden sterben (2020) und Kommando Ajax (2024).

Fatma Aydemir (* 1986 in Karlsruhe / D) studierte Germanistik und Amerikanistik in Frankfurt. Sie ist Schriftstellerin und Journalistin (u. a. taz, Guardian). Sie veröffentlichte bei Hanser die Romane Ellbogen (2017) und das für den Deutschen Buchpreis nominierte Dschinns (2022). Seit 2023 gibt sie gemeinsam mit Enrico Ippolito, Miryam Schellbach und Hengameh Yaghoobifarah das Literaturmagazin Delfi heraus.

Fatma Aydemirs Laudatio zum Nachlesen